Deutsch-chinesische Fußballakademie: Axel Hellmann und Hans Nolte im Interview

Am 19. Juni 2017 gaben die Eintracht Frankfurt Fußball AG, der SC Hessen Dreieich und die Dreieich Sportstätten Betriebs- und Marketing GmbH (DSBM) ihre Kooperation bekannt. Neben der Durchführung von Trainings- und Freundschaftsspielen stand dabei insbesondere die Errichtung einer deutsch-chinesischen Fußballakademie am Standort Dreieich im Blickpunkt. Im Interview konkretisieren Eintracht-Vorstand Axel Hellmann und DSBM-Initiator Hans Nolte die Pläne rund um den Bau der Akademie.

 

Herr Hellmann, Eintracht Frankfurt hat in den letzten Tagen veröffentlicht, einen eigenen Geschäftsbereich für ‚Internationale Beziehungen und Sportprojekte‘ zu schaffen. Was hat es damit auf sich?

 

Axel Hellmann: Mit der Schaffung eines eigenen Bereichs intensivieren wir unsere Aktivitäten hinsichtlich der Internationalisierung der Bundesliga im Allgemeinen und von Eintracht Frankfurt im Besonderen. Die DFL hat ein großes Interesse an einer starken Präsenz der Klubs in den internationalen Märkten, weil es ihre Anstrengungen flankiert, die Verwertung der Medienrechte der Bundesliga im Ausland zu optimieren. Hierzu wollen wir einerseits in Zukunft einen größeren Beitrag leisten, andererseits aber auch die Sichtbarkeit der Marke Eintracht Frankfurt in den relevanten Zielmärkten an sich stärken.

 

Welche Bedeutung als relevanter Zielmarkt kommt China zu?

 

Hellmann: China kommt neben den USA die größte Bedeutung in der Internationalisierung der Bundesliga zu. Demzufolge gibt es auch zahlreiche Maßnahmen, die Eintracht Frankfurt in Hinblick auf China durchführt. Grundsätzlich basieren unsere Maßnahmen auf einem Drei-Säulen-Modell: Die erste Säule dient dem Zweck in China Business-Netzwerke aufzubauen, um über die emotionale Seite des Fußballs Geschäftskontakte zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen sowohl in Deutschland als auch in China zu verfestigen. Die zweite Säule trägt unserem „Graswurzel“-Ansatz Rechnung, nämlich in Deutschland und China Ausbildungsmöglichkeiten und Fußballschulen zu schaffen, die eine langfristige Entwicklung des Fußballs in China unterstützen. Hier übernimmt Eintracht Frankfurt die Rolle des Dienstleistungspartners, der mit seinen Ausbildungskonzepten im Nachwuchsfußball für Bildungseinrichtungen, Vereine und Verbände in China tätig wird. Die dritte Säule ist schließlich die Durchführung von Trainingslagern und Freundschaftsspielen, die wir zu einem passenden Zeitpunkt in China unternehmen werden.

 

Gibt es innerhalb der zweiten, der ‚Graswurzel‘-Säule schon konkrete Projekte?

 

Hellmann: Wir haben Ende Mai im Rahmen des People-to-People-Dialogs in Peking einen Vertrag mit dem chinesischen Bildungsministerium abgeschlossen, in dem es um die weitreichende Durchführung von Fußballschulen in China geht. Darüber hinaus haben wir Ende August eine Kooperation mit der Beijing Sports University (BSU) unterzeichnet, in der es darum geht, die BSU, also die Elite-Universität im Bereich Sport, in der Aus- und Weiterbildung von Trainern, Studenten und Schiedsrichtern zu unterstützen. Daraus  werden in China umfangreiche Projekte hervorgehen, für die wir innerhalb der Eintracht jetzt auch die personellen Strukturen geschaffen haben.

 

Welche Bedeutung kommt in ihrem Maßnahmenkatalog der geplanten deutsch-chinesischen Fußballakademie in Dreieich zu?

 

Hellmann: Unser Ansatz, eine deutsch-chinesische Fußballakademie zu errichten, in der das ganze Jahr jede Woche etwa 150 Kinder und Jugendliche, Schüler und Studenten, Trainer und Schiedsrichter im Fußball ausgebildet werden, aber auch etwas über die deutsche Sprache und Kultur lernen, ist ein einmaliger Ansatz in der Bundesliga, den kein anderer Club verfolgt. Mit diesem Alleinstellungsmerkmal wollen wir auch in China werben. So etwas passt hervorragend in diese Region. Die Rhein-Main-Region ist die internationalste Region Deutschlands. Die weltweite Anbindung der gesamten Region an den Flughafen ist ebenfalls einmalig in Deutschland. Die chinesische Community in Frankfurt wächst stark. Frankfurt ist eine der bekanntesten Städte in China. Dreieich ist in unmittelbarer Nähe von Frankfurt und dem Flughafen. Dazu hat Dreieich bereits eine bestehende, ausbaufähige Sportinfrastruktur. Die Idee einen Bildungs- und Sportcampus in Dreieich zu schaffen, der zu einem viel beachteten Leuchtturmprojekt werden wird und weitere Partner und Unternehmen nach Dreieich ziehen wird, hat für mich regionalen Vorzeigecharakter.

 

Herr Nolte, was haben wir unter einer „deutsch-chinesischen Fußballakademie“ zu verstehen?

 

Hans Nolte: Die Spieler, die China einmal im Weltfußball vertreten werden, sind heute noch Kinder. Wir richten uns mit unserem Angebot also an Kinder und Jugendliche. Axel Hellmann hat  gerade erläutert, daß wir einen Ansatz wählen, der über den Fußball hinaus geht.

Der Großteil der Arbeit findet natürlich in China selbst statt.

Ein kleinerer, aber immens wichtiger Teil der Zusammenarbeit besteht aus dem persönlichen Erleben von Deutschland, von Frankfurt, unserer Region, der Eintracht.

 

Wie wird das konkret aussehen?

 

Nolte: Einerseits soll es mehreren Gruppen von jeweils etwa 30 fußballbegeisterten, jungen Chinesen im Rahmen etwa 14-tägiger Gast-Aufenthalte ermöglicht werden, jeweils einen halben Tag Fußballtraining mit einem Besichtigungsprogramm zu kombinieren. Neben dem Besuch des Flughafens oder einer Schifffahrt auf dem Main schließt das selbstverständlich auch das Fußball-Erlebnis in der Commerzbank-Arena ein. Schließlich gilt es, die ersten Worte Deutsch zu lernen und vielleicht einmal die Frankfurter Küche zu probieren.

Gleichzeitig sollen kleinere Gruppen von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern auch mehrmonatige Aufenthalte in der Akademie absolvieren können und dabei intensiv mit unseren Trainingsmethoden und der deutschen Sprache vertraut gemacht werden.

 

Das alles klingt nicht unbedingt nach einem „Mega-Projekt“?

 

Nolte: Nein, das Vorhaben ist inhaltlich anspruchsvoll, aber überschaubar. Die Baulichkeiten der Akademie umfassen ein zweigeschossiges Gästehaus, in dem die 150 Besucher und ihre Betreuer beherbergt und verpflegt werden können und – angesichts des Wetters bei uns unverzichtbar – eine moderne Soccer-Halle 60×30 Meter, dazu entsprechende Freiflächen und Parkplätze.

 

Was spricht für Dreieich?

 

Nolte: Offensichtlich ist, daß eine Fußballakademie über Fußballplätze und Schulungsräume verfügen muß. Die kann man irgendwo neu anlegen, oder man nutzt, flächenschonend, Bestehendes. Dazu sind kurze Fahrtzeiten zum Flughafen und eine zentrale Lage im Rhein-Main-Gebiet ebenso von Bedeutung wie eine naturnahe, sichere und gut behütete Umgebung für unsere jungen Gäste. All dies ist am Sportpark in Dreieich gegeben.

Der Plan, die neue Strothoff International School in unmittelbarer Nachbarschaft zu errichten, schafft zahlreiche Synergien. Alle Räumlichkeiten, die die Schule bietet, müssen wir nicht ebenfalls errichten, umgekehrt gilt dasselbe für die Sportanlagen. Ökologisch verantwortlich handelt in Ballungsräumen, wer ökonomisch mit knappen Flächen umgeht.

 

Was bringt eine deutsch-chinesische Fußballakademie für Dreieich?

 

Nolte: Der unmittelbare Effekt auf Steuern und Gebühren ist für die Stadt tatsächlich eher gering. Es gibt aber zwei Bereiche, die mittelbar erhebliche Wirkung für die Stadt entfalten. Zum ersten der „Imagegewinn“.

 

Was kann sich der Bürger vom „Image“ der Stadt denn kaufen?

 

Nolte: Das „Image“ einer Stadt, also ihre innere und äußere Wahrnehmung, ist ein entscheidendes Standortkriterium.

Nur eine wirtschaftlich gesunde Stadt kann leisten, was eine wirklich soziale Stadt ausmacht. Unsere Stadt braucht deshalb erfolgreiche Unternehmen, die viele in Dreieich und den Nachbargemeinden wohnhafte Mitarbeiter beschäftigen. Gewinnstark sind Unternehmen, die starke Mitarbeiter haben. Um solche Mitarbeiter gibt es einen überregionalen,  internationalen Wettbewerb. Wir entscheiden ihn für Dreieich mit der Antwort auf die Frage, was Dreieich besonders macht, warum man hier arbeiten und wohnen will. Zum Beispiel eben, weil es hier eine ausgezeichnete Internationale Schule gibt, weil Eintracht Frankfurt hier eine Fußball-Akademie unterhält, weil hier ein erfolgreicher, regionaler Fußballclub spielt.

 

Die Dreieicher fühlen sich doch offenbar auch ohne diese Dinge wohl in ihrer Stadt im Grünen!

 

Nolte: Die Argumente mögen Alteingesessenen „spanisch“ vorkommen; für den Spanier, der nach Dreieich kommt, um bei uns zu leben und zu arbeiten, sind sie überzeugend und geben, zusätzlich zum naturnahen Wohnen, der Nähe zum Flughafen und der kulturellen Vielfalt am Ort – wie sie ein Dutzend Orte im Speckgürtel auch bieten – den Ausschlag. „Image“ ist also alles andere als eine Worthülse.

Dies gilt in Bezug auf eine deutsch-chinesische Fußballakademie umso mehr in einer Stadt, in der der größte Arbeitgeber soeben in den Besitz eines chinesischen Konzerns wechselt und in der zahlreiche Unternehmen erhebliche Marktinteressen in China haben.

 

Und der zweite Bereich, der positive Effekte durch die Fußballakademie erwarten läßt?

 

Nolte: Dazu ein Blick auf die Rolle der DSBM. Sie eignet und unterhält eine der schönsten Sportanlagen im Frankfurter Süden: Privat, ohne jede Bezuschussung durch die Stadt oder den Kreis. Hier spielt der Hessische Amateurfußballmeister, hier finden Bundesjugendspiele statt, Veranstaltungen von Organisationen und Vereinen, von der Behindertenhilfe bis zur Integration von Flüchtlingen durch Sport. Den Aufwand für Unterhalt, Betrieb und Management des Sportparks in Höhe von weit über einer halben Million Euro pro Jahr stemmt die DSBM vollständig ohne öffentliche Mittel. Sie unterhält den komplett neu von ihr angelegten Rasenplatz des HSV Götzenhain, sie unterstützt über 1.000 aktive Nachwuchsfußballer in ihren Vereinen jährlich mit einer sechsstelligen Summe in Geld. Dies alles entlastet den Sozialetat der Stadt, den Steuerzahler.

Die Ansiedlung der deutsch-chinesischen Fußballakademie in Zusammenarbeit mit Eintracht Frankfurt refinanziert z.B. den Bau einer (auch) für den Fußball geeigneten Sporthalle, wie sie in Dreieich bislang fehlt, und führt der DSBM aus der Vermietung des Sportparks an die Akademie in nennenswertem Umfang zusätzliche Mittel zu. So können wir den Erhalt des Sportparks auch in Zukunft gewährleisten, ohne daß es den Steuerzahler belastet.