Interview mit Michael Schrader

Um die drei deutschen WM-Startplätze für Peking (China; 22. bis 30. August) im Zehnkampf zeichnet sich eine ebenso harte wie spannende Auseinandersetzung ab. Etappe eins findet Ende Mai im österreichischen Götzis statt, der Showdown am letzten Juni-Wochenende in Ratingen. Einer der Protagonisten: Michael Schrader (SC Hessen Dreieich), Vize-Weltmeister von 2013.

In Ratingen ist er sozusagen Lokalmatador, denn sein Elternhaus steht nur rund 20 Kilometer entfernt. Im Interview spricht der 27-Jährige über seine momentane Form, die Zusammenarbeit mit seinem WG- und Trainingspartner Rico Freimuth sowie die Pendelei zwischen Halle, Heimat und Vereinsort.

Michael Schrader, in Götzis bestreiten Sie am übernächsten Wochenende Ihren ersten Zehnkampf seit dem WM-Silber von Moskau (Russland). Wie ist Ihre Verfassung im Vergleich zum Mai 2013?

Michael Schrader:

Genauso oder vielleicht sogar minimal besser. Schlechter definitiv nicht. Ich bin im Training sicher in fast allen Disziplinen. Im Kugelstoßen hadere ich zwar ab und zu. Obwohl ich mit 14,88 Metern Bestleistung gestoßen habe, bin ich nicht ganz zufrieden und möchte konstanter werden. Der Rest steht aber. Die Ergebnisse am Samstag beim Vierkampf in Neuwied waren besser als ich es mir erhofft hatte. Ich kann außerdem sagen, dass es in den sechs Disziplinen, die beim Zehnkampf hinzu kommen, im Training noch besser aussieht. Mein Trainingszustand ist stabil, alles völlig in Ordnung. Es passt alles.

In Götzis treffen Sie auf fast die gesamte Weltelite. Wird Ihnen beim Gedanken daran nicht mulmig?

Michael Schrader:

Nein, ich freue mich auf den Wettkampf. Ashton Eaton betrachte ich als Gegner, der wahrscheinlich unschlagbar ist. Er möchte ja den Weltrekord verbessern, was ihm auch gelingen dürfte. Von den Werten, die mir von ihm bekannt sind, ist das sehr realistisch. Was die anderen Athleten angeht, gilt es diese in Schach zu halten und um den zweiten Platz zu kämpfen.

Wie viele Punkte streben Sie an?

Michael Schrader:

Da lege ich mich nicht fest. Ich habe eine lange Pause hinter mir, bin gut drauf, will gesund durchkommen und es wird auch definitiv eine vernünftige Punktzahl werden.

Wie eng wird der Kampf um die drei deutschen WM-Tickets?

Michael Schrader:

Das ist schwer zu sagen. Da kommen vielleicht vier Leute infrage. Ich gehe davon aus, dass es sich erst in Ratingen entscheidet, wer in Peking an den Start gehen wird.

Ein Mitbewerber ist Ihr Trainingspartner Rico Freimuth. Ist er für Sie mehr Kumpel oder Konkurrent?

Michael Schrader:

Beides. Wir sind die besten Freunde, aber wir sind natürlich auch Konkurrenten. Man will natürlich selber gewinnen, aber jeder gönnt auch dem anderen den Sieg. Denn man hasst sich nicht nach dem Wettkampf, wenn der andere gewonnen hat. Das sind dreimal zwei Tage im Jahr, an denen wir Gegner sind. An den anderen Tagen sind wir best friends…

… die sich im Training pushen.

Michael Schrader:

Natürlich. Vor zwei Jahren war ich derjenige, der gepusht hat. Jetzt pusht Rico. Wir helfen uns gegenseitig in jeder Disziplin. Wir kommen gut miteinander klar und erreichen dadurch ein sehr hohes Niveau in der Trainingsgruppe. Das spiegelt sich dann auch in den Leistungen wieder. Gerade wenn man länger verletzt war und direkt wieder auf hohem Niveau ins Training einsteigt, ist man schneller wieder an den Leistungen dran, die man vorher hatte. Das ist sehr wichtig.

Alleine trainieren, wie es zum Beispiel Pascal Behrenbruch einige Zeit gemacht hat, ist also nichts für Sie?

Michael Schrader:

Für mich wäre das gar nichts. Ich habe immer eine Gruppe gebraucht. Insbesondere an schweren Tagen, an denen man nicht aus dem Bett kommt oder so, da braucht man eine Trainingsgruppe, in der der andere motiviert ist und einen mitzieht. Deshalb finde ich Trainingsgruppen einfach viel angenehmer.

Daheim in Duisburg-Rheinhausen gehört eine Kohlehalde zu Ihren bevorzugten Trainingsrevieren.

Michael Schrader:

Ja, das ist die Halde Norddeutschland in Neukirchen-Vluyn zwischen Kamp-Lintfort und Moers. Dort kann man sehr abwechslungsreich laufen. Da habe ich zeitweise dreimal in der Woche trainiert und zum Beispiel Treppensprünge gemacht. Das mache ich momentan nicht. Aber wenn ich zuhause bin, dann gehe ich da ab und zu hin. Nach der Saison wohl wieder etwas häufiger.

Sie leben in Halle an der Saale, also knapp 500 Kilometer vom Niederrhein entfernt. Wie oft sind Sie noch in der Heimat?

Michael Schrader:

Mindestens einmal im Monat. Nächste Woche fliege ich wieder nach Hause. Die Flüge sind momentan ja günstiger als der Sprit. Deswegen nutzte ich immer mal wieder die Gelegenheit übers Wochenende nach Hause zu fliegen.

Dritter Anlaufpunkt ist Ihr Vereinsort Dreieich bei Offenbach. Wie oft sind Sie dort?

Michael Schrader:

Gelegentlich. Ich bin in Schulen zu Besuch und versuche Kinder an den Sport heranzuführen. Ob die am Ende Fußball spielen oder Leichtathletik betreiben, ist im Endeffekt egal. Hauptsache sie machen Sport. Ich bin da so eine Art Zugpferd. Das Projekt ist gut angelaufen und befindet sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium, ist aber noch lange nicht abgeschlossen.

Drückt Ihre Verpflichtung den Stellenwert des Zehnkampfes in Deutschland aus?

Michael Schrader:

Der Zehnkampf steht für Ausdauer und Disziplin. Es sind Werte, die wir verkörpern. Das kommt auch bei Firmen ganz gut an. Allerdings ist die Realität manchmal ernüchternd. In Deutschland ist der Fußball die Nummer eins. Jeder will Fußball gucken. Ich kaufe mir auch Fußballtrikots, meine Trikots kauft keiner. Aber so ist das nun einmal.

Ihre Zehnkampf-Bestleistung steht bei 8.670 Punkten. Geht da noch was?

Michael Schrader:

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, das war das Maximum. Es müsste noch einmal so gutes Wetter mit perfekten Winden und so ein schöner Wettkampf kommen und ich ein bisschen Glück haben, dann wäre es möglich, noch mehr Punkte zu machen. Aber das lässt sich nicht vorhersagen. Der Zehnkampf hat zehn Disziplinen, da kann immer etwas passieren. Am Ende sind es dann 30 oder 40 Punkte weniger, als man sich vorgenommen hat. Es ist also schwer, ich habe da schon eine gute Punktzahl hingelegt.

Was sagt die Patellasehne?

Michael Schrader:

Sie macht keine Probleme. Der Riss ist komplett ausgeheilt. Ich habe mich ja auch extra so lange geschont, bis alle Beschwerden abgeklungen waren. Ansonsten gibt es hier und da immer mal wieder kleinere Wehwehchen. Zum Beispiel schmerzt aktuell die Knochenhaut ein bisschen. Aber das ist nicht dramatisch. Ich fühle mich gut und bin sehr zuversichtlich.

Was tun Sie gegen Ihre Verletzungsanfälligkeit?

Michael Schrader:

Ich tue das, was nötig ist. Ich mache Pause, wenn etwas zwickt oder mein Körper sagt, ich will Pause haben. Wenn man dann eine Verletzung hat, dann ist es meistens einfach Pech. Wenn etwas kaputt ist, dann liegt das an der Disziplin Zehnkampf, dass wir uns zwischendurch ein bisschen überbelasten. Damit lernt man umzugehen.

Muss es denn unbedingt Zehnkampf sein? Ashton Eaton hat ja auch schon über 400 Meter Hürden die Spezialisten gehörig aufgemischt.

Michael Schrader:

Zehnkampf ist wie eine Leidenschaft, alleine auch vom Training her. Ich liebe es, jeden Tag zum Training zu gehen. Es ist abwechslungsreich. Ich habe nie eine Lücke, sodass ich sage, ich habe keinen Bock mehr. Aber genau diese Gefahr bestünde, wenn ich mich auf eine Einzeldisziplin konzentrieren würde. Wenn, dann würde ohnehin nur Weitsprung infrage kommen, weil ich da zumindest national relativ gut bin. Aber das würde mein Körper auch nicht vertragen, nur die Sprünge. Da müsste ich schon etwas Abwechslung reinbringen.

 

 

Quelle: www.leichtathletik.de

Interview: Harald Koken