„Je weiter man sich aus dem Fenster lehnt, desto mehr motiviert man seine Gegner“

Ein Jahr ist es inzwischen her, seit Rudi Bommer und Ralf Weber bei der ersten Mannschaft des SC Hessen Dreieich das Kommando übernommen haben. Am ersten Januar 2016 befand sich das Team in akuter Abstiegsgefahr. Eine Erdwanderung um die Sonne später grüßt man im Hahn Air Sportpark souverän von der Tabellenspitze. Im Interview zieht Bommer eine Zwischenbilanz.

 

Rudi, bei Amtsantritt befandet ihr euch auf einem Abstiegsplatz. Was waren die ersten Dinge, die ihr sofort angehen musstet, um die Mannschaft wieder auf Kurs zu bringen?

Zunächst haben wir damit begonnen, an gewissen Dingen in der Defensive zu arbeiten. Wir haben doch sehr viele Gegentore bekommen. Das hat viel Arbeit gekostet, weil wir wussten, dass wir im zentralen Mittelfeld einfach nicht so gut besetzt waren und dort unsere Probleme hatten. Die Mannschaft war zu diesem Zeitpunkt nicht zu hundert Prozent stabil von der Zusammenstellung her.

 

Du sprichst die Zusammenstellung der Mannschaft an, wie habt ihr sie personell verändert?

Die Statistik war ja eindeutig: Wir haben zu viele Gegentore kassiert und nicht ausreichend viele Tore geschossen. Das war unser Hauptansatzpunkt, weil wir die Mannschaft vorher nicht oft gesehen hatten und entsprechend nicht gut kannten. Mit Mokhtari und Azaouagh konnten wir zwei „Kaliber“ verpflichten, die uns sehr geholfen haben, die Mannschaft ein Stück weit nach vorne zu bringen.

 

Wie überzeugt man solch arrivierte Spieler, sich am Ende ihrer Laufbahn nochmal im Amateurfußball „auszutoben“?

Zunächst mal ist es im Winter immer schwierig, Spieler einer gewissen Qualität zu bekommen. Moki hatte ich schon bei meiner letzten Station in Aschaffenburg im Kader. Da war er immer noch der Beste. Und als ich dann in Dreieich angefangen habe und sah, dass wir ihn dringend brauchten, habe ich ihn einfach gefragt. Er war sofort bereit. Zu Mimoun hatte ich vorher keinen Kontakt, als sich aber die Möglichkeit ergeben hat, ihn zu verpflichten, haben wir nicht zögern müssen. Gerade sein Beitrag zum Sieg in Lohfelden mit einem Tor und einer Vorlage, hat uns da auch Recht gegeben.

 

Wie ist die Rückrunde aus eurer Sicht gelaufen?

Wir mussten ja noch eine gewisse Punktzahl aufholen und im Abstiegskampf ist es immer so, dass die Konkurrenz plötzlich auch anfängt gut zu punkten. Es war also eine mühsame, gefährliche Rückrunde, in der alles hätte passieren können. Ich denke aber, wir haben die richtigen Stellschrauben angezogen. Mit Mokhtari haben wir ein wenig improvisiert, haben ihn von der Offensive abgezogen und auf die defensive Sechs gestellt. Das hat sich ausgezahlt. Ich denke, die ganze Mannschaft hat das gut gemacht, sonst hätten wir das auch nicht geschafft.

 

Wann war dir klar, dass das Ziel Klassenerhalt erreicht wird?

Das war etwas verwirrend. Die Hessenliga war für Ralf und mich Neuland und je nachdem wo du geschaut hast, wurde der Abstiegsmodus anders dargestellt. Selbst der Hessische Fußballverband schien da nicht komplett durchzublicken. Von daher mussten wir auf Nummer Sicher gehen und bis zum letzten Spieltag  alles geben.

 

Im Sommer konntet ihr dann die Mannschaft nach euren Vorstellungen verändern, zehn neue Spieler kamen. Worauf habt ihr dabei besonders geachtet?

Für mich ist die Sechser-Position immens wichtig, genauso wie die Innenverteidigung. Zentral konnten wir mit Alikhil und Henrich zwei Spieler gewinnen, die wir beobachtet hatten und von denen wir überzeugt waren, dass sie diese Position auch ausfüllen können. In der Abwehr kamen Eckerlin und Gavric, zwei Innenverteidiger sehr guter Qualität. Auch wenn Eckerlin inzwischen leider nicht mehr für uns spielt, hat er in der Vorrunde dazu beigetragen, dass wir so stabil waren und dort oben stehen. Dann mussten wir natürlich unsere Offensive um Amani und Lagator weiter verstärken. Also holten wir Reljic und Muca dazu, die mit insgesamt 13 Toren wichtige Beiträge geliefert haben. Und auf links hat uns Alban Lekaj aus der Regionalliga verstärkt.

 

Vor der Saison war die Zielsetzung noch moderat, man wollte sich in der Hessenliga nur von der Gefahrenzone fernhalten. Inzwischen steht ihr mit enormem Vorsprung an der Tabellenspitze. Was waren für dich die Schlüsselspiele?

Ein besonderer Gratmesser war sicher das Heimspiel gegen Bayern Alzenau. Das war unser bestes Saisonspiel, das muss man so sagen. Die Motivation war sehr hoch, wir haben das auch von der Taktik her ein wenig verändert, so dass wir den schnellen Stürmer mit einem Innenverteidiger in Manndeckung genommen haben, während der andere Innenverteidiger sich abgesetzt hat. Das haben die Jungs auf dem Platz richtig gut umgesetzt.

 

Worauf wird es in der Rückrunde ankommen?

Zunächst auf eine gute Vorbereitung. Wir werden in der Sportschule Grünberg ein dreitägiges Trainingslager absolvieren, wo wir die Jungs genauer unter die Lupe nehmen werden und sie richtig einstellen können, auch in Sachen Ernährung. Dann geht es darum, gut in die ersten Spiele zu kommen, so dass du auch gleich wieder das nötige Selbstvertrauen hast. Und auch ganz wichtig ist, dass wir die Lücke, die Toni Reljics schwere Verletzung aufgerissen hat, adäquat schließen. Wie wichtig Toni für uns war, zeigen nicht nur seine neun Treffer, sondern auch die Art und Weise, wie er sie erzielt hat. Ich denke da insbesondere an seinen Volley in Lehnerz. Blerton Muca ist da jetzt gefordert.

 

Hand aufs Herz: Es sind noch zwölf Spiele zu bestreiten und ihr habt ebenso viele Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger. Muss das Ziel jedes halbwegs ehrgeizigen Sportlers bei solch einer Tabellenkonstellation nicht die Meisterschaft sein?

Das wollen wir schon. Ehrgeiz ist auch gut, in erster Linie bin ich aber auch erfahren und habe im Fußball schon alles erlebt. Deswegen bin ich immer vorsichtig. Je weiter man sich aus dem Fenster lehnt, desto mehr motiviert man seine Gegner. Stadtallendorf hat ein Spiel weniger und kann am 25. Februar auf neun Punkte verkürzen. Und man kann ganz schnell auch mal drei, vier Spiele in Folge in den Sand setzen und das war es dann mit dem Vorsprung. Von daher verlange ich, dass wir die Konzentration hoch halten und uns nicht in Sicherheit wiegen. Wir müssen Spiel für Spiel unsere Leistung abrufen, zumal noch einige Stolpersteine vor uns liegen.

 

Kommen wir zum Abschluss noch zu deinem persönlichen Zwischenfazit nach einem Jahr in Dreieich.

Ich denke, angesichts der positiven sportlichen Entwicklung haben wir nicht allzu viel falsch gemacht. Die Zusammenarbeit mit Ralf Weber ist sehr gut, es passt kein Blatt zwischen uns. Ralf ist für dieses Projekt enorm wichtig. Er ist sehr akribisch und professionell, findet auch immer wieder den richtigen Ton und staucht auch mal die Spieler zusammen, wenn das sein muss. Und auch Charly Körbel drückt immer wieder den Daumen auf bestimmte Stellen, um die Dinge in die richtige Richtung zu lenken. Das Wichtigste ist aber, in Ruhe arbeiten zu können. Da habe ich in meiner Karriere schon einiges erlebt. Hier in Dreieich ist das gegeben und das zahlt sich aus.

(mb)