Es geht immer noch ein Stückchen mehr

Vor einem Jahr feierte Ralf Weber  als Co-Trainer des SC Hessen Dreieich sein Debüt an der Seitenlinie. Im Interview spricht der ehemalige Nationalspieler über die Entwicklung der ersten Mannschaft, die Dreieicher Jugendarbeit und was er von Chefcoach Rudi Bommer lernt.

 

Ralf, ein Jahr habt ihr nun in Dreieich das Zepter in der Hand. Wenn du an die Anfänge denkst und die Entwicklung siehst, wie fällt da dein Zwischenfazit aus?

Man muss sagen, dass wir die Mannschaft in einer schweren Situation übernommen haben. Man hat relativ früh in der Vorbereitung gemerkt, wo die Probleme liegen, warum die Mannschaft dort stand, wo sie stand. Wir haben dann versucht ein paar Dinge zu ändern und das ist uns mehr oder weniger gelungen. Das war schon ein steiniger Weg, es waren einige knappe Ergebnisse dabei und das hätte auch schiefgehen können. Das muss man klar sagen.

 

Das nötige Quäntchen Glück war aber sicher nicht das einzige Geheimnis des Erfolges. Worin liegt für dich die entscheidende Veränderung?

Ich denke, für die Hessenliga gilt ganz allgemein: Wenn du defensiv gut stehst, deine Hausaufgaben machst und gedanklich nicht abschaltest, kannst du weit kommen. Dass wir individuell die Qualität haben, gegen jede Mannschaft Tore zu schießen, ist unbestritten. Das war auch schon in der letzten Saison so. Aber dieser defensive Gedanke, immer kompakt zu sein, immer wach zu sein, der ist entscheidend. Wir haben auch in der Rückrunde der letzten Saison trotz allem noch viel zu viele Gegentore kassiert, weil solche Dinge eben auch ihre Zeit brauchen. Auch für die nun anstehende Rückrunde muss unser Ziel sein, noch weniger zuzulassen.

 

Rudi Bommer sagte zuletzt im Interview, zwischen ihn und dich passe kein Blatt Papier. Was zeichnet eure Zusammenarbeit aus?

Rudi und ich stehen quasi rund um die Uhr in Kontakt. Im Amateurfußball müssen die Trainer – ich will nicht sagen alles – aber doch sehr viele Dinge organisieren, die einem im Profifußball abgenommen werden. All diese Aufgaben gilt es zu meistern und da haben wir uns sehr gut eingespielt. Das gilt für unseren gesamten Stab, es sind ja nicht nur wir zwei. Wir haben mit Gregor Wojtech und Volker Beck zwei sehr engagierte Torwarttrainer, das darf ebenso wenig vergessen wie unser Betreuer- und Backoffice-Team.

 

Der SC Hessen Dreieich ist deine erste Trainerstation, nachdem du zuvor lange als Scout für die Eintracht tätig warst. Nun steht dir mit Rudi Bommer nicht nur ein Weggefährte aus der aktiven Zeit, sondern eben auch ein Fußballlehrer mit viel Erfahrung zur Seite. Was nimmst du von ihm mit?

Es ist super, einen Mann von diesem Format an der Spitze zu haben. Man kann unheimlich viel von Rudi lernen, sei es die Ansprache an die Jungs oder die Trainingsgestaltung. Vor allem aber imponiert mir seine Fähigkeit, in der einen oder anderen Situation ein bisschen gelassener zu reagieren. Ich bin im Kopf doch immer noch ein Stück weit Spieler, war da immer schon ein „Hitzeblitz“ und habe hier und da auch jetzt noch immer wieder meine Wut, wenn irgendetwas nicht so läuft, wie es eigentlich sollte. Der Rudi ist da cooler und das ist etwas, das ich auf jeden Fall mitnehmen kann und auch mitnehmen will.

 

Gibt es konkrete Situation oder Anekdoten, wo er dich beeindruckt hat?

Eigentlich in jedem Spiel. Wenn ich da draußen denke: „Oh Mann, da geht gleich was schief“, da ist er viel cooler und traut unseren Jungs noch viel mehr zu. Nach zwei, drei Fehlpässen in kurzer Zeit kann ich schon etwas negativ werden und er bleibt optimistisch. Das ist so ein Grundcharakterzug, den der Rudi hat, der die Arbeit erleichtert, gerade was die Birne angeht.

 

Wenn man mit Weggefährten und Kollegen über dich spricht, dann ist immer wieder die Rede davon, dass du eine Respektsperson bist, die viel Professionalität und Akribie ausstrahlt. Findest du dich in dieser Beschreibung wieder?

Eigentlich schon. Ich war im Training selbst immer einer, der vorne weggegangen ist. Das wollte ich auch immer aufs Spielfeld übertragen. Deshalb bin ich auch immer etwas kritisch, weil ich den einen oder anderen noch gar nicht an seinem Limit sehe. Da kann und muss noch viel mehr kommen, mehr Dominanz, mehr Feuer, mehr Aggressivität. Nicht im Sinne von Foulspiel, aber eben so, dass man vom Gegner noch mehr Respekt kriegt. Das wünsche ich mir von der Truppe und denke, dass ich das als Spieler auch vorgelebt habe.

 

Hört sich sehr perfektionistisch an. Immerhin steht ihr schon jetzt mit 12 Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze…

Wenn es um Fußball geht, bin ich schon Perfektionist. Und was unsere Tabellensituation angeht, muss man auch realistisch analysieren. Es waren einige Spiele dabei, da entschied eine Situation darüber, ob wir gewinnen oder es den Bach runtergeht. Wir hatten in einigen Aktionen das Glück auf unserer Seite, da sind wir unverhofft in Führung gegangen oder es blieb ein klarer Elfmeterpfiff gegen uns aus. Viele Spiele hätten anders ausgehen können, das darf man nicht vergessen. Die nackten Zahlen sagen, dass wir da durchmarschieren werden. Aber wenn man sich anschaut, wie das alles zustande gekommen ist, darf man die Tabelle nicht überbewerten.

 

Auch Rudi Bommer hat zuletzt davor gewarnt, dass ein Leistungseinbruch jede Mannschaft treffen kann…

Eben drum. Alle anderen Mannschaften hatten ihren schon, wir noch nicht. Mit Ausnahme vom FC Bayern marschiert doch niemand die ganze Saison über durch. Das passiert fast immer, dass eine Mannschaft eine Schwächephase durchmacht. Man muss dann eben schnell wieder raus aus dem Loch.

 

Wie wollt ihr verhindern, dass es bei euch zur Durststrecke kommt?

Am Mittwoch starten wir mit der Vorbereitung. Die Jungs hatten fünf Wochen Pause, jetzt müssen wir erstmal schauen, in welchem Zustand sie sich befinden. Nun stehen erstmal ein paar „Schweineeinheiten“ an, das wissen die Jungs auch. Aber selbst dabei werden wir Spaß haben. In jedem Fall werden wir weiter an unserer defensiven Stabilität arbeiten. Wir haben nicht so viele Gegentore kassiert, haben aber in vielen Spielen gegnerische Chancen zugelassen und das müssen wir abstellen. Da sind alle gefordert, nicht nur die Verteidiger.

 

Wie lautet die Zielsetzung aus deiner Sicht?

Wenn ich jetzt sage, dass wir im vorderen Drittel mit Platz fünf zufrieden sind, nimmt mir das sicher keiner ab. Meisterschaft würde ich aber auch nicht unbedingt sagen. Wenn wir so spielen, wie wir uns das vorstellen und nicht auf irgendwelche Ideen kommen, dann werden wir dort landen. Es darf dazu aber niemand abheben, alle müssen zu hundert Prozent konzentriert zu Werke gehen. Letztendlich machen wir unser Ziel nicht von einer Platzierung abhängig, sondern wollen, dass die Jungs das Maximum aus sich herausholen – und da geht immer noch ein Stückchen mehr.

 

Kommen wir zum Schluss noch auf das Thema Jugendarbeit zu sprechen. Die steht beim SC Hessen Dreieich ganz oben auf der Flagge. Mit Youssef Mokhtari habt ihr den U19-Trainer als Spieler in euren Reihen. Man kann also davon ausgehen, dass ihr bestens mit der Jugend verzahnt seid?

Absolut. Und nicht bloß wegen Moki. Jugendleiter Manuel Hiemenz sitzt bei uns im Büro und wir pflegen zu allen Trainern den Kontakt. Wir haben da einen sehr guten Einblick. Man muss sehen, dass im vergangenen Sommer ein Riesenumbruch stattgefunden hat. Die ganze Fusion war ein sehr aufwendiger Kraftakt. Dafür ist die erste Entwicklung schon sehr erfreulich. Ich beobachte die Mannschaften oft beim Training. Da ist Zug drin. Ich hätte nicht gedacht, dass das schon so gut angehen würde. Und was die U19 betrifft: Moki ist oft bei uns im Büro – vor allem, um sich an der Kaffeemaschine zu bedienen (lacht). Aber Spaß beiseite: Er ist genauso fußballkrank wie wir. Er macht sich viele Gedanken zu seiner Mannschaft. Und wenn man sieht, wie er das eigene Training und das seiner Jungs unter einen Hut bekommt, kann man nur sagen: Er reißt von uns allen vermutlich die meiste Zeit hier im Sportpark ab.

(mb)