Saisonstart-Interview mit Rudi Bommer

In der Woche vor dem Beginn der Vorbereitung führten wir ein ausführliches Interview mit unserem Meister- und Chefcoach Rudi Bommer.
Er nahm sich Zeit, um gut gelaunt und auskunftsfreudig unsere Fragen zu beantworten und den Fans einen tieferen Einblick in seine Motivation, Ansichten und nicht zuletzt auch in sein Leben neben dem Platz zu gewähren.

Rudi, du hast ja bereits in der ersten und zweiten Bundesliga Mannschaften trainiert. Was hat dich ausgerechnet zum SC Hessen Dreieich verschlagen?

Das ist einfach entstanden durch Charly Körbel. Meine letzte Station war der FC Energie Cottbus, ich war gesundheitlich angeschlagen und musste raus. Eine Zeit lang weg von der Seitenlinie, um meinen Körper in den Griff zu bekommen.
Ich wollte mich gerade schon wieder auf den Markt schmeißen, als der Anruf von Charly Körbel kam.
Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte beim SC Hessen anzufangen.
Im ersten Augenblick habe ich ganz klar gesagt, dass ich mir das nicht vorstellen kann. Aber er hat nicht locker gelassen, worauf wir uns des Öfteren getroffen haben. Das Konzept wurde immer besser, bis wir gesagt haben: Okay, wir machen das hier, wir versuchen diesen Club nach oben zu bringen.  Wir wollten vor allem im Jugendbereich Grundlagen legen, allerdings auch in der Hessenliga so gut wie möglich Fußball spielen.
Da hat niemand von der Meisterschaft gesprochen. Als Ralf Weber und ich hier angefangen haben, mussten wir die Mannschaft ja zunächst einmal aus dem Tabellenkeller führen.
Das war keine leichte Geburt, wir haben es dennoch geschafft und am letzten Spieltag den Abstieg vermieden.  Im Jahr darauf wurden wir bereits Meister, mussten allerdings auf den Aufstieg verzichten. Das war für uns alle keine leichte Situation, trotzdem konnten wir es bewerkstelligen alle wichtigen Spieler zu halten – obwohl nicht abzusehen war, dass du im Jahr darauf gleich wieder Meister wirst. Jetzt geht es für uns endlich in die Regionalliga und wir freuen uns auf die kommende Saison.

Du bist nun bereits über zwei Jahre im Verein. Was würdest du sagen hat sich am deutlichsten verändert, seit du hier angefangen hast?

Wir haben inzwischen eine neue Mannschaft zusammengefügt, aus unserer ersten Saison sind heute nur noch fünf, sechs Spieler übrig geblieben. Wir mussten einiges ändern, das für uns nicht stimmig war. Ich denke, dass wir in den letzten beiden Jahren sehr dominant gespielt haben, wir haben fast jeden Gegner in dessen eigene Hälfte gedrückt. Das muss man auch können, das ist nicht ganz so einfach. Du musst geduldig sein, deine Stationen ausspielen und Druck auf den Gegner ausüben, ohne in Konter zu laufen. Das haben die Jungs in beiden Jahren gut umgesetzt, gerade auch in der letzten Saison. Von daher ziehe ich schon meinen Hut, das musst du nach der Meisterschaft im Vorjahr auch erstmal wiederholen.
Insgesamt ist es eine tolle Sache, was dieser Verein in seinen fünf Jahren seit der Gründung erreicht hat. Das ist schon eine kleine Erfolgsgeschichte. Da wären andere, deutlich ältere, Clubs froh darum.
Darüber hinaus hat sich das gesamte Umfeld stetig verändert. Teilweise hatten wir mit der U 19 abends Training mit sechs Spielern, da war hier auf dem Gelände eher wenig los.
Das hat sich komplett geändert, auf jeden Fall verbessert. Wir haben Jugendmannschaften dazubekommen, die gut bestückt sind. Die trainieren nicht mehr mit sechs Leuten, sondern in voller Besetzung. Wir haben gute Trainer dazugewonnen, was einen gewissen Ausschlag dafür gibt, dass wir einen ganz neuen Zulauf bekommen. Auch in der ersten Mannschaft hat dieses verbesserte Umfeld dazu beigetragen, dass Spieler hier trainieren und spielen wollen. Nicht zuletzt auch durch Charly Körbels, Ralf Webers und meine Position als Aushängeschild.
Und wenn man jetzt sieht, was hier entstanden ist und weiter entsteht: Es wird ein komplett neues Stadion errichtet, der Platz ist gerade neu gemacht worden, dann weiß man, was bei diesem Club innerhalb von zwei Jahren wachsen kann.

In der nächsten Saison geht es gegen absolute Traditionsclubs wie zum Beispiel die Offenbacher Kickers, den FC Saarbücken und Waldhof Mannheim. Da stellt sich die Frage: Freust du dich in erster Linie auf diese spannenden Spiele, oder bedeutet das für dich vor allem ein Mehr an Arbeit, das auf dich und dein Team zukommt?

Arbeit ist es immer, aber natürlich ist da auch eine gewisse Vorfreude. Für mich ist das jetzt nichts komplett Neues. In der Bundesliga habe ich gegen Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04 gespielt, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
In Saarbrücken habe ich ja in der zweiten Bundesliga selbst gearbeitet.
Trotzdem ist es schon toll. Die Jungs haben es sich verdient in dieser Liga mit solchen Mannschaften zu spielen, spielen zu dürfen. Nehmen wir Zubayr Amiri, der Bundesliga-Stadien besucht, um seinen Cousin Nadiem für Hoffenheim spielen zu sehen. Der kommt da mit großen, glänzenden Augen zurück und kann sich jetzt selbst in größeren Stadien bewähren. Ob das jetzt in Offenbach ist, in Waldhof, oder am Bornheimer Hang in Frankfurt.
Das gilt für alle unserer Jungs, das ist natürlich eine andere Hausnummer. Das sind einfach ganz andere Stadien, in denen man seine Leistung abrufen kann.
Und wenn du in Offenbach spielst, da kommen halt mal 6.000 Zuschauer.

Du bist ein sehr Fan-naher Trainer, bisher konnte man dich hier ja immer auf ein paar Worte ansprechen, selbst während einem Spiel.

Ja! Das geht natürlich in der ersten, zweiten, dritten Liga nicht, aber es geht hier.
Das ist auch ein Teil dessen, was sich verändert hat. Wir haben mit einer Handvoll, zumeist älteren, Fans angefangen. Die waren bei jedem Training, bei jedem Spiel und haben uns angesprochen. Und das wollten wir auch genau so, wollten mit den Leuten ins Gespräch kommen. Auch und gerade direkt am Rand, damit sie Spaß an der Sache gewinnen und sich als Teil des Clubs fühlen können. Und damit es eben nicht so ist wie bei anderen Clubs, wo Trainer und Spieler nicht greifbar sind.
Mit diesen Fans, die immer mehr wurden, haben wir uns immer gerne auseinandergesetzt.
Es ist uns immer wichtig Menschen mitzuziehen. Anfangs waren ja noch nicht so viele Zuschauer da, im zweiten Jahr war es dann richtig gut besucht. So haben wir einfach Spaß da draußen. Und das macht es auch aus, der Club ist ein bisschen anders als die großen, über Jahrzehnte gewachsenen, Traditionsclubs. Es ist einfach ein wenig familiärer. Du hast noch Bezug zu den Leuten. Wenn ich nach dem Spiel auf das Gelände gegangen bin und wir im Sommer unter den Schirmen gesessen haben, haben wir uns mit den Fans weiter unterhalten und noch ein Bier zusammen getrunken. Wo gibt es das noch? Das gibt es nur hier.

Jetzt hast du bald während den Spielen einen schwer zu übersehenden Zaun dazwischen.

Das geht auch durch den Zaun. Da mache ich mir keinen Kopf. Und für ein Schwätzchen nach dem Spiel werde ich auch weiterhin zu haben sein, das ist gar kein Problem.

Dürfen sich die Fans denn noch auf weitere neue Gesichter freuen, oder ist die Kaderplanung abgeschlossen?

Die Kaderplanung ist soweit erst einmal abgeschlossen. Neue Gesichter haben wir ja, schon alleine aufgrund der U 23-Regelung in der Regionalliga mussten wir jüngere Spieler dazuholen, die trotzdem auch eine gewisse Qualität vorweisen können.
Ich denke das ist gelungen, das haben wir sehr gut umsetzen können. Die Jungs haben alle Hessenliga-Erfahrung und haben ihren Mann auch in jungen Jahren schon gestanden. Das ist mir immer wichtig, dass nicht nur die Position ausgefüllt wird, dass nicht einfach nur junge Spieler da sind. Sondern, dass die auch diese gewisse Qualität mit sich bringen.
Das hilft der Mannschaft aber auch, das muss man dazusagen. Denn es kommt wieder frisches Blut rein, diese jungen Spieler brennen und wollen unbedingt in die Mannschaft. Und die Jungs, die jetzt über einige Zeit schon ihre Erfolge im Club hatten, werden dadurch auch gefordert.
Dazu gibt es auch neue Gesichter, die bereits mehr Erfahrung haben und mitbringen, die gestandener sind und zum Gesicht des Teams passen.
Eventuell bekommen wir noch auf einer Position eine Verstärkung hinzu, ein bisschen Zeit haben wir ja noch. Das wäre noch ein Innenverteidiger, ansonsten haben wir alle Positionen besetzt.

Nachdem es jetzt in erster Linie um den sportlichen Bereich ging, interessieren sich unsere Fans sicher auch privat für dich.

Ja, das ist immer schwierig.

Schauen wir doch mal, wie weit wir kommen. Wir wissen so viel über den Spieler und Trainer Rudi Bommer, magst du uns etwas über den Menschen dahinter erzählen? Was machst du zum Beispiel gerne in deiner Freizeit, wenn sich einmal nicht alles um den Fußball dreht?

Im Moment habe ich eher wenig Freizeit, so seit zweieinhalb Jahren, das muss ich ehrlich sagen. In dieser Zeit war ich ja fast nur hier. Gerade wenn du in der Doppelfunktion als Trainer und sportlich Verantwortlicher arbeitest, hast du viel zu tun. Da hoffe ich, dass ich ein wenig mehr Luft bekomme. Ansonsten habe ich es eigentlich immer so gehandhabt, dass ich, egal wo ich gespielt habe, mein Privatleben weitestgehend raushalte. Das war für mich immer ein Tabuthema, ich konnte die Arbeit auch immer ganz gut an der Haustür ablegen und trennen was im Job und was zu Hause passiert.

Das ist wichtig in diesem Beruf.

Absolut, sonst hat man keine Ruhe-Oase, in die man sich dementsprechend auch einmal zurückziehen kann. Als Spieler ist das natürlich einfacher, weil du da nicht so im Fokus stehst. Als Trainer ist das schon heftiger. Wenn es nicht läuft, bist du der Depp. Und dann brauchst du ein Rückzugsgebiet. Und das ist einfach zu Hause. Deswegen gibt es über mich, egal wo, nie viel Privates zu berichten.
Natürlich bin ich ein offener Typ, umgänglich, aber eben auch nur bis zu einem gewissen Punkt.
Und wenn der Punkt erreicht ist, ziehe ich mich auch zurück.

Damit hast du die nächste Frage ja fast schon beantwortet: Allzu viel Zeit bleibt neben Training und Kaderplanung demnach eher nicht?

In letzter Zeit war das tatsächlich etwas schwierig, ich habe mich jetzt kurz nochmal für sieben Tage rausgezogen, bin in die Berge gefahren und habe mal Fünfe gerade sein lassen. So ganz ging das natürlich nicht, weil das Telefon trotzdem immer schellt und man immer schauen muss, was auf dem Markt noch passiert.
Und auch rund um das Team steht die Zeit ja nicht still, da gilt es hier einen Vertrag abzuschließen, dort eine Freigabe zu erwirken. Da ist nie ganz leicht. Es war für mich einfach wichtig, nochmal sieben Tage rauszukommen aus dem Ganzen. Und das hat auch gut getan.
Ansonsten habe ich früher als Profi gerne in meiner Freizeit Tennis gespielt. Dem ist nicht mehr so, inzwischen bin ich Gelegenheits-Golfer. Ich spiele gerne meine Runden, leider lässt die Zeit das nur selten zu. Da brauchst du schon einen ganzen Tag, den du auf dem Golfplatz verbringst. Das ist jetzt im Moment, seit zweieinhalb Jahren, schwieriger.

Jupp Heynckes lässt seinen Hund Cando selten unerwähnt. Wie sieht das bei dir aus, hast du auch den einen oder anderen tierischen Freund zu Hause?

Meine Tochter hat Tiere, ja. Sie hat einen Hund und wohnt ja direkt bei uns, da gehe ich auch mal spazieren. Der freut sich immer, wenn ich komme. Da wedelt er mit dem Schwänzchen hinten, wie alle Hunde. Und das ist ein ganz lieber. Ein Familienmitglied, das ich nicht missen wollte. Außerdem hat meine Tochter noch ein Pferd, nach dem ich auch ab und zu mal schaue, weil meine Tochter auch nicht mehr allzu viel Zeit hat. Da bist du auch schon mal mit zwei Tieren unterwegs.

Wir Hessen haben es ja mit Grie Soß‘, Handkäs‘ und Äbbelwoi. Ist das auch dein Ding – oder doch eher Spezialitäten aus Unterfranken?

Mein Ding ist: Ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr komplett auf Alkohol verzichtet. Später bin ich nach Düsseldorf gewechselt und habe ab und zu ein Altbier mit Cola getrunken. 1988 bin ich zurück nach Aschaffenburg und da kamst du am Weizenbier nicht vorbei. Das hat mir auch richtig gut geschmeckt und seitdem bin ich dabei auch geblieben.

Damit kommen wir auch schon zur letzten Frage. Triffst du deinen Co-Trainer Ralf Weber auch nach Feierabend und am Wochenende mal, oder seht ihr euch nur rund um den Hahn Air Sportpark?

Ich glaube es wäre vermessen, wenn ich mich jetzt mit dem Ralf auch noch privat treffen würde. Dann müsste ich ja bei ihm schlafen. Wir kommen erst um 22 Uhr nach Hause, das ist schon schwierig. Nein, wir mailen und telefonieren sehr häufig. Wenn ich mir zum Beispiel bei einem Spieler nicht ganz sicher bin, schicke ich ihm das Exposé rüber. Er schaut sich das an, wir sichten getrennt voneinander das Videomaterial und besprechen das anschließend. Ansonsten tauschen wir uns tagtäglich andauernd aus. Ralf hat sein Aufgabengebiet, kümmert sich um alles rund um die Mannschaft. Ohne, dass ich da etwas sagen müsste. Das funktioniert alles super. Besser kann ich mir einen Co-Trainer gar nicht vorstellen. Das hat bisher immer ganz viel Spaß gemacht.
Aber ich will da auch meine anderen beiden Kollegen nicht vergessen, den Gregor und den Volker, da läuft alles reibungslos. Vom Team her passt da alles und es macht einfach Laune mit den Jungs zu arbeiten, das muss man sagen.


Das Interview führten Mirko Schmid und Tobias Weis